05
Jan
07

Das Bundessozialgericht und der Tango – ein Tanz um die Frage : Was ist Kunst ?

Die Debatten über die Frage, was Kunst sei, füllen Bände. Paul Klee definierte: „Kunst gibt nicht sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar.“ Und die Erkenntnis, dass die abendländische Kultur eine permanente Rückzugsbewegung vom zum darstellenden Objekt zum darstellenden Subjekt sei, hilft uns auch nur bedingt.

Das Bundessozialgericht musste aber auf diese knifflige Frage eine Antwort finden, ging es doch in dem zu entscheidenden Falle darum, ob Frau A Anspruch darauf hatte, in der Künstlersozialkasse versichert zu werden.

Die Anspruchsgrundlage findet sich im Künstlersozialversicherungsgesetz, dort im § 2, Satz 1: „Künstler im Sinne dieses Gesetzes ist, wer Musik, darstellende oder bildende Kunst schafft, ausübt oder lehrt.“

Wenn Frau A nun Künstlerin im Sinne dieser Vorschrift war, so war die Versicherungspflicht festzustellen.

Frau A betreibt seit nunmehr 6 Jahren eine Tanzschule. Aber nicht irgendeine, sondern eine Tanzschule für Tango Argentino. Das darf man wieder nicht mit dem herkömmlichen Tango verwechseln. Heute gibt es die verschiedensten Ausprägungen. Für die ursprünglichen lateinamerikanischen Formen der Musik und des Tanzes hat sich in Europa der Begriff Tango Argentino eingebürgert. Die hauptsächlich europäischen Versionen nennt man dagegen nur Tango, englischen Tango oder auch Euro-Tango. In Argentinien selbst kennt man diese Unterscheidungen nicht.

Das Gericht musste nun das tun, was wir Juristen subsummieren nennen, also den Sachverhalt unter die Anspruchsnorm setzen, abgrenzen, definieren und hieraus ein Ergebnis ableiten. War das, was Frau A machte, das Schaffen, Ausüben oder Lehren von darstellender Kunst ?

Die Künstlersozialkasse hatte sich dagegen gewehrt, weil die Lehrtätigkeit nicht als Lehre von „darstellender Kunst“ im Sinne des Künstlersozialversicherungsgesetzes einzustufen sei. Im konkreten Falle handele es sich um eine jedermann zugänglichen, nicht speziell der Ausbildung professioneller Tänzer dienenden Tanzschule.

George Bernhard Shaw meinte: „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“ und von Enrique Santos Discépolo, einem argentinischen Tango-Komponisten stammt das Zitat: „Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“

Hieraus ist erkennbar, dass der Tango durchaus zur darstellenden Kunst gezählt werden kann. Das Gericht hat hierzu ausgeführt, dass der Argentinische Tango dann hierzu gehört, wenn er in einem künstlerischen Rahmen ausgeübt wird, es also in einer Tanzschule um die Ausbildung für den Bühnentanz, Showtanz oder Balletttanz geht.

In den ersten beiden Instanzen hatte Frau A Erfolg. Das Landessozialgericht sah die Tätigkeit der Frau A durchaus als Lehre von Kunst an. Es hatte hierzu das Kriterium herangezogen, dass der Argentinische Tango anders als der konventionelle Gesellschaftstanz nicht von der Einhaltung bestimmter Schrittfolgen geprägt sei, sondern von der Improvisation des Tanzpaares zur Musik, in der emotionale, kulturelle und soziale Gehalte zum Ausdruck gebracht würden.

Das Bundessozialgericht hat die Entscheidungen der Vorinstanzen jedoch aufgehoben und die Klage der Frau A abgewiesen.
Frau A lehrt schwerpunktmäßig den Tango nach Auffassung des Gerichtes in einem nicht-künstlerischen Bereich. Die Tätigkeit ist vielmehr im Bereich des Sports angesiedelt. Man denke hier nur an die Tanzturniere und Wettkämpfe. Der Tango Argentino unterscheidet sich daher nach Auffassung des Gerichtes nicht grundsätzlich von anderen Tanzdisziplinen. Es kommt hier nicht auf den Umfang der Kreativität oder des Gestaltungsspielraumes an.

Fazit: Tango kann Kunst sein, muss es aber nicht, womit wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angekommen wären.

Urteil vom 7. Dezember 2006 – B 3 KR 11/06 R

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s


Rechtsanwalt und Mediator Roland Hoheisel-Gruler

Kanzlei bei der Hedinger Kirche Josefinenstraße 11/1 72488 Sigmaringen Tel.: 07571/52227 FAX: 07571/50285 Zweigstelle Biere August-Bebel-Straße 26a 39221 Biere Tel.: 039297/23370 Fax.: 039297/23371
XING

a

RSS Die Kanzlei bei der Hedinger Kirche

  • Facebook – das war‘s dann wohl Juni 6, 2018
    Der EuGH hat gestern die datenschutzrechtliche Mitverantwortung der Betreiber*innen von so genannten Fan-Seiten herausgestellt. Die Entscheidung ist in sich logisch und schlüssig – und zeigt eben auch,… Weiterlesen "Facebook – das war‘s dann wohl"
    Roland Hoheisel-Gruler
  • für ein beA ohne Hintertür – ich bin dabei März 23, 2018
    Nachdem uns das besondere elektronische Anwaltspostfach seine Besonderheiten in erheblichen Mängeln offenbaren musste, hat sich nun eine Initiative von Kolleginnen und Kollegen zusammengetan, um ein sicheres beA… Weiterlesen "für ein beA ohne Hintertür – ich bin dabei"
    Roland Hoheisel-Gruler
  • Wie geht das mit der Digitalisierung in Kanzleien? Dezember 28, 2017
    Ein durchaus lesenswertes Interview zum Thema Digitalisierung hat das Kanzleiforum bei Beck hier: http://kanzleiforum.beck-shop.de/2017/12/13/digitalisierung-in-kanzleien-experten-interview-mit-markus-hartung-micha-manu-bues-und-gernot-halbleib/ veröffentlicht. In der derzeitigen Debatte geht vieles durcheinander, ein Rekurs auf das Wesentliche,… Weiterlesen […]
    Roland Hoheisel-Gruler
  • Anlasslose Massenüberwachung und der Satz von Bayes Dezember 28, 2017
    Man liest viel in diesen Zeiten von Gefahren, die allgegenwärtig sind und das Zusammenleben bedrohen. Terrorismus und Kriminalität sind als Feinde der freiheitlichen Gesellschaft ausgemacht. Wie man… Weiterlesen "Anlasslose Massenüberwachung und der Satz von Bayes"
    Roland Hoheisel-Gruler
  • Provokant und haarsträubend: 7 kuriose Fälle 2017 Dezember 28, 2017
    Die LTO ist im Sammeln von Entscheidungen für Jahresrückblicke durchaus agil – und es ist immer wieder lesenswert, was die Redaktion hierzu alles zusammenträgt. Neben den Entscheidungen… Weiterlesen "Provokant und haarsträubend: 7 kuriose Fälle 2017"
    Roland Hoheisel-Gruler
  • Kreuzer kritisiert Kriminalpolitik Dezember 28, 2017
    Der emeritierte Strafrechtslehrer prof. Dr. iur. Artur Kreuzer hat in einem Beitrag in der Zeit die Kriminalpolitik der letzten Jahre scharf kritisiert. Er bemängelt in seinem Text,… Weiterlesen "Kreuzer kritisiert Kriminalpolitik"
    Roland Hoheisel-Gruler
Januar 2007
M D M D F S S
« Dez   Feb »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  
Advertisements

%d Bloggern gefällt das: